Mit Volldampf ins Fettnäpfchen

Vorstellungsgespräche, ein unvermeidlicher Termin, wenn man einen neuen Job ergattern möchte. Durch eine Aneinanderreihung von Zufällen durfte ich mich heute in ein schickes Spitzenkleid hüllen, um mich bei einem Unternehmen als C++ Oberflächenentwicklerin im Rahmen einer Arbeitnehmerüberlassung vorzustellen. So richtig begeistert war ich von Anfang an nicht, aber da ich in einem Anflug geistiger Umnachtung der Arbeitnehmerüberlassung meines Vertrauens erlaubte das Profil raus zuschicken und die Einladung in weniger als 12 Stunden erfolgte, nahm ich den Termin wahr. Immerhin war es mal wieder eine nette Übung. Herkömmliche Bewerbungsgespräche hatte ich seit Jahren nicht und Projektgespräche mit Kunden sind in der Regel etwas anders.

Angekommen bei der Firma X in Nürnberg holte mich mein Gesprächspartner, der Fachbereichsleiter, am Eingang ab und führte mich in einen Besprechungsraum. Nach der ersten Sekunde war mir schon klar, dass wir niemals Freunde werden und ich mein sonniges Gemüt hinter purer Professionalität verstecken muss. Zu meiner großen Freude stieß noch ein junger Mann dazu, der wohl den Posten des Lead-Entwicklers inne hatte und eher meinem Naturell entsprach. Während ich mit ernster, interessierter Miene dem Fachbereichsleiter dabei zuhörte, wie er Luftschlösser baute und unablässig auf die Komplexität meiner eventuellen neuen Aufgabe hinwies, überlegte ich, ob mein Gegenüber das tatsächlich ernst meint. Jedem Entwickler, der ein wenig was von der Materie versteht, weiß, dass C++ (MFC) Oberflächenentwicklung kein Hexenwerk ist. Es ist weder interessant noch hoch komplex und schon gar nicht herausfordernd. Auch das eine Datenbank genutzt wird, lässt die meisten jetzt nicht vor Schreck davon rennen.

Nachdem er fertig war, wurde ich aufgefordert etwas über mich zu erzählen. Natürlich liegt es in einem Bewerbungsgespräch nahe nochmal das zu erzählen, was eh schon im Lebenslauf steht. Zu meiner Schande muss ich gestehen: ich habe die Hälfte meiner Arbeitgeber und Projekte vergessen. Ein Fauxpas, den man sich, meiner Meinung nach, nicht leisten sollte. Zumindest der zeitliche Ablauf und die Arbeitgeber/Kunden sollte man immer wissen. Meine Ausführungen waren jedoch so detailliert, dass es kaum Nachfragen gab und so schwadronierte der Fachbereichsleiter erneut über das Unternehmen. Ich lies ihn höflich gewähren bis es um die Übernahmechancen der Arbeitnehmerüberlassenen ging. Die “Stelle” war bis zum Ende diesen Jahres befristet und im Gespräch kristallisierte sich heraus, dass die Betreuung der “alten Software” noch länger von Nöten war. Mein Gegenüber erklärte, dass ANÜ Verträge maximal 2 Jahre dauern können und danach die Möglichkeit einer Übernahme besteht. Die Befristung zum Ende des Jahres dient lediglich der Eignungsprüfung. Bei dieser Steilvorlage konnte ich mir es natürlich nicht verkneifen nachzufragen, warum man die Leute dann nicht direkt einstellt, immerhin gibt es auch befristete Verträge für direkt Angestellte. Der junge Mann, der außer ein paar Detailinformationen zu dem Produkt, noch nicht viel beigetragen hatte, fing an zu grinsen. Ein schönes Szenario! Wir wussten natürlich alle, warum das so ist. Wie erwartet bekam ich keine richtige Antwort, denn der Fachbereichsleiter murmelte sich mit fadenscheinigen Argumenten aus der Situation. Erster Strike für cleo!

Und wieder wurde mir das angeblich herausfordernde Projektumfeld beschrieben, doch diesmal unterbrach ich meinen Gesprächspartner desöfteren und warf ein, dass es sich um stinknormale Softwareentwicklung handelt und sich alles nach einem normalen Softwareprojekt anhört. Der junge Mann pflichtete mir stets enthusiastisch bei, während sein Vorgesetzter stur seinen Stiefel durchzog und stets bemüht war das Projekt irgendwie attraktiv darzustellen. Der Fachbereichsleiter wirkte jetzt jedoch weit weniger “happy” als noch zu Beginn des Gesprächs. Zweiter Strike?!?
Die einzige fachliche Frage wurde mir von dem jungen Mann gestellt. Er wollte wissen, ob ich schon mal in einem agilen Team gearbeitet habe.. mit SCRUM und so. Anscheinend war es kein Problem, dass ich noch keine Erfahrungen in dem Bereich habe, immerhin wird es auch in dem Projekt um das es geht, nicht eingesetzt.

Als wir uns nichts mehr zu sagen hatten, teilte mir der Gesprächsführer mit, dass sie noch weitere Bewerber haben und spätestens nächste Woche Rückmeldung geben würden. Höflich antwortete ich, dass das vollkommen in Ordnung sei, denn ich müsse auch noch überlegen, ob der Job für mich interessant ist. Oh ha! Dritter Strike! Sichtlich erschüttert über diese Aussage, sagte mir der Fachbereichsleiter, dass sie natürlich davon ausgehen, dass jemand den Job will, vorallem wenn er sich vorstellt. Es sei unüblich, dass der Bewerber sich das noch überlegen muss. Da trafen eindeutig zwei Welten ungebremst aufeinander. Ich bin der Meinung, dass ein Bewerbungsgespräch auf Augenhöhe zwischen zwei Parteien stattfindet und dazu dient, dass alle Beteiligten prüfen, ob eine Zusammenarbeit vorstellbar wäre. Seine Vorstellungen sind wohl eher, dass ein Bewerber ein Bittsteller ist und eine mögliche Zusammenarbeit mit dem Unternehmen das Beste ist, was jemandem in seinem Leben passieren kann. Er versuchte sein anfängliches Entsetzen etwas abzumildern indem er mir “erlaubte” darüber nachzudenken, ob der Job was für mich wäre und so verabschiedeten wir uns.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine Zusammenarbeit nicht in Frage kommt außer sie haben wirklich keine andere Option, immerhin sind C++ Entwickler eine aussterbende Spezies. Ob ich die “Chance” nutzen würde, steht auch noch in den Sternen. Die Entscheidung die Freiberuflichkeit aufzugeben fiel unter der Voraussetzung, dass es ein Job sein muss, indem ich als Freiberufler kein Projekt kriege. So habe ich keine Chance bei Projektmanager-Projekten, da mir die Erfahrung fehlt und die Erfahrung kriege ich nicht, weil ich keine Projekte in dem Bereich bekomme. Oder natürlich es handelt sich um einen so genialen, abwechslungsreichen, herausfordernden Job, dass selbst ich völlig fasziniert vor der Aufgabe stehe.

Nachtrag: Heute, also einen Tag nach dem Gespräch, habe ich bescheid gegeben, dass ich an der Stelle endgültig nicht interessiert bin.

2 replies on “Mit Volldampf ins Fettnäpfchen”

  1. Der Bert says:

    Köstlich, Holzkopf gegen flexible Rechenleistung

  2. Vader says:

    War die Stelle im Öffentlichen Dienst? ^^

    Herrlich. 😀

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