München – Unendliche Weiten II

Teil 1 gibt es hier: München – Unendliche Weiten

Auf gehts!

Fit wie die Turnschuhe, welche ich letztens entsorgt hatte, hüpfte ich am nächsten Morgen aus dem Bett und begab mich, aufgestyled als wolle ich ins Museum, zum Frühstücken. Ich konnte förmlich meinen Kühlschrank aus der Ferne wimmern hören, als ich die Fülle der Speisen sah. So viele Nahrungsmittel hatte er schon lange nicht mehr gesehen… und ich auch nicht.
Während ich so da saß und meine Wassermelonensucht stillte, nahm neben mir ein junger Mann Platz. Eine kurze ausgiebige Musterung verführte mich dazu ihn anzusprechen, denn er sah aus wie ein potentieller Wähler aus Gnerkland und Kontakt zu Landsmännern kann nie schaden. Anhand seiner Reaktion konnte ich allerdings schnell feststellen, dass er aus Nerdnation (die sind erfahrungsgemäß etwas unkommunikativer) stammen musste. Er erzählte mir, unablässig auf sein Teller starrend, er wäre “scientist” und beendete damit das informative Gespräch.

Ausgestattet mit genügend Kalorien schnappte ich mir die Leih-Kamera von Markus und wollte die Umgebung auf Bildern bannen. Vermutlich gab es wieder einen Puderzucker-Unfall, denn anders konnte ich mir das weiße Zeug auf den Straßen, mitten im Februar, nicht erklären. Ein Nebeneffekt dieses Unfalles war unglücklicherweise, dass München aussah wie ich mich fühlte: Total im Eimer! Trotz oder vielmehr deswegen gab ich mein Bestes um die herrschaftlichen Gebäude im nicht vorhandenen Licht, anmutig erscheinen zu lassen.

Eine Frau  mit Kamera, die am Sonntag zu früher Stunde Häuser abschoss erweckte wohl das Interesse einer Einheimischen. Provokativ stellte sie sich mir und dem Motiv meiner Wahl in den Weg und stoppte sogar ein Winterräumfahrzeug, um mit dem Fahrer einen kurzen Plausch abzuhalten. Geduldig an ein Schaufenster gepresst, um den One-Million-Dollar-Shot zu machen, wartete ich bis sie auf mich zukam und mich fragte, ob ich Fotos mache. Fasziniert von ihrer Fähigkeit das Offensichtliche kurz und prägnant in einem kurzen Satz zu verpacken antwortete ich ihr vergnügt: Ja! Ohne Vorwarnung fand ich mich in einer Konversation wieder, die etwas von Heiratsvermittlung hatte. Die nette Dame beschrieb mir ihr Haus in Griechenland das aus verschiedenen Elementen der mich umgebenden Häuser zusammengewürfelt wurde. Die selbe Treppe wie das eine Haus, die selbe Farbe wie das Haus gegenüber und vieles mehr. Nachdem der Besitzstand der Familie geklärt war, erzählte sie mir stolz von ihren Söhnen. Einer ein Kapitän, der andere ein Arzt. Nach einigen Minuten zog die Frau weiter ihres Weges und ich lief zurück zum Hotel, während mein Verstand versuchte die gerade gewonnenen Informationen einzuordnen.

Mein weiterer Plan für den Tag war, “den Ort des Wissens” in München, zu besuchen: Das Deutsche Museum. Ich erntete skeptische Blicke als ich mein Vorhaben zum Deutschen Museum zu laufen der Dame an der Rezeption verkündete. Offenbar läuft man in München nicht! Aufgrund des grandiosen Wetters folgte ich ihrem Rat mit den Öffentlichen zu fahren und stampfte aus dem Gebäude.

Pfannenwendereiskratzer

Vor dem Hotel begegnete ich einer Gruppe von Schaulustigen. Interessiert hielt ich kurz inne und beobachtete einen Mann, der mit dem Stiel eines Edelstahlpfannenwenders die gefrorene Frontscheibe seines Auto frei kratze. Aus der Menge ertönte es “Warum?”. Gedanklich antwortete ich “weil ers kann!” während ich aus meinem Kofferraum einen Eiskratzer mit integriertem Besen kramte. Nachdem ich mich wieder umdrehte war der Mann einer hübschen, kleinen Frau gewichen, die mit dem vermeidlich richtigem Ende des Wenders die Scheibe auf ineffiziente Art und Weise vom Eis befreite. Lächelnd streckte ich ihr mein kleines Helferlein entgegen, dass sie dankbar annahm und anmutig ungeschickt versuchte sie den festsitzenden Sichtschutz zu entfernen. Als sie an ihre Grenzen stieß, die Mitte der Scheibe, half ich ihr und wies sie in Funktionsweise des intuitiv benutzbaren Kratzers ein. Meine Suche nach der versteckten Kamera wurde abrupt beendet, als sie mir fröhlich erzählte, sie komme aus Südafrika und hat noch nie Schnee gesehen. Geistesgegenwärtig erklärte ich ihr in meinem besten Englisch, dass ich ungefähr genau so gut spreche wie Hochdeutsch, wie die Heizung des Leihwagens funktioniert. Immerhin wollte ich dass sie nicht nur den Durchblick hat, sondern es dabei auch noch kuschlig warm hat. Nach Dankeshymnen und Händeschütteln endete unsere kurze Begegnung und ich ging, froh darüber Gnerkland so hervorragend repräsentiert zu haben, weiter.

x Bahn

Mein ausgeprägter Orientierungssinn, ein paar Spaziergänger und eine analoge Karte, die ich aus dem Hotel stibitzt hatte, ermöglichten es mir die Haltestelle der S-Bahn in Windeseile zu finden. Dachte ich zumindest! In Wahrheit sah ich die Straßenbahn wollte aber zur Stadtbahn (oder ich stand vor der Stadtbahn und wollte zur Straßenbahn, irgendwie sowas). Geübt fragte ich einen Mann der mit mir an der Ampel wartete, wohin ich denn nun müsse. Er erklärte mir, dass ich zur Tram will. Bis zum heutigen Tage ist mir nicht klar, wie die Ausdrücke S-Bahn, Tram, Stadtbahn, Straßenbahn, U-Bahn zueinander stehen. Die S-Bahn oder Tram verläuft, sollte ich mit dieser gefahren sein, nämlich auch im Untergrund, also eigentlich eine U-Bahn. Aber auf meiner analogen Karte stand ein S für S-Bahn, aber das wiederum ist nicht die S-Bahn im Sinne von Straßenbahn. Sehr komplex das Ganze!

Während ich mit irgendeiner Bahn zu der Zielhaltestelle fuhr überlegte ich, wie viele Triefnasen wohl schon am Fahrkartenautomat rum-touch-ten und sich am Geländer in der Bahn fest gehalten hatten. Ein wenig angewidert verließ ich die Bahn und sah einen Mann frierend auf dem Boden kauern. Das Schild “Bitte helft mir” drehte er zu den vorbeiströmenden Passanten, die teilnahmslos weiterzogen. Selbst ein wenig schlotternd kaufte ich im Backshop zwei Brezeln und einen Kaffee, die ich ihm in die Hände drückte, bevor ich zum Museum schlenderte.

Angekommen am Ort meiner Bestimmung folgte ich meinem angeborenem Herdentrieb und stellte mich an der Kasse an, an der schon andere Leute standen. Irgendwas war wohl mit der freien Kasse nicht in Ordnung. Wartend lauschte ich einer sächsischen Familie die zwei Gutscheine für zwei Eintrittskarten hatten, aber nicht so richtig begreifen wollten, dass die Summe von 20€ die auf dem mitgebrachten Umschlag stand nicht  von belang waren. Der Eintritt kostete nur 8,50€ pro Karte, also 17€ für zwei Karten, also weniger als 20€. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte die Kassiererin das Missverständnis auflösen und ich konnte ihr mit dem lockeren Spruch: “Einmal ich!” eine Karte abluchsen. Ein wenig geknickt, dass ich nicht nach meinem nicht vorhandenen Studentenausweis gefragt wurde, passierte ich die gründliche nachlässige Eingangskontrolle, gab meine Jacke ab und suchte die Toiletten auf, um mir den Schmutz der öffentlichen Verkehrsmittel von den Händen zu waschen. Zu meinem Glück war die Frequentierung der Toiletten ziemlich hoch und ich konnte, ohne meine sauberen Patscherchen zu gefährden,  raus aus dem Waschraum.

…bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher (Albert Einstein)

Zuerst spazierte ich durch verschiedenen Epochen des Bergbaus. Schon genial diese Menschen! Von der Handarbeit zu technischen Lösungen die es ermöglichen auf effizienteste Art und Weise den Planeten zu durchlöchern. Durch die künstlich angelegten, beengenden Tunnel, dem schummrigen Licht und der schlechten Luft konnte ich einen realistischen Eindruck davon gewinnen, was für eine wunderbar romantische Arbeit der Bergbau sein musste und schon immer war. Während ich eruierte, ob der Bergbau eine gute zweite Karrieremöglichkeit sei, kam ich zum Ende der Ausstellung und fand mich plötzlich in der Sektion der Materialverarbeitung wieder. Angespornt durch das eben erlebte lief ich gelangweilt durch verschiedene Abteilungen des ersten Stockes. Selbst meine fundierten schauspielerischen Fähigkeiten konnten über meine Euphorie nicht hinwegtäuschen. Ich beschloss mir das anzusehen, was mich auch wirklich interessiert. Ohne genaue Koordinaten machte ich mich auf die Suche nach dem Einzigen, dass ich aus dem Informatikunterricht in der 8.Klasse noch wusste: den Z3 von meinem Freund Konrad Zuse. Ähnlich wie ich (hüstel..hüstel), (fast, je nach Definition) der Erste seiner Art und ein Meilenstein der Geschichte.

Ich latschte an vielen Individuen vorbei, die gebannt auf ominöse Karten in ihren Händen starrten. Schlagartig wurde mir klar: Die haben einen Plan! Hektisch sah ich mich um, denn ich wollte auch wissen, wo ich hin muss oder zumindest gerade war. Dieser Wunsch blieb mir allerdings verwehrt, denn nirgends war die von mir begehrte Karte zu finden. Die Museumsleitung dachte wohl es sei besser die Besucher auf eine Schnitzeljagd zu schicken.

Mein Weg führte mich vorbei an Schiffen und Unterseebooten längst vergangener Zeiten. Ich hielt bei zwei Torpedos inne und betrachtete ehrfürchtig das todbringende Metallgehäuse. Hinter mir befanden sich detailgetreue Modelle von elegant anmutenden Zerstörern, Flugzeugträgern und sonstigen Kampfschiffen. Der Gedanke, dass die menschliche Rasse so genial und gleichermaßen Dumm ist, lies mich auch nicht los, als ich in einer anderen Abteilung die Flugzeuge betrachtete. Aus Holz gebaute putzige Flugmaschinen tummelten sich neben Flugzeugen, deren einziges Ziel es war Unheil und Zerstörung zu sähen. Vergnügt liefen die anderen Besucher an mir vorbei während ich wenig amüsiert vor den Errungenschaften der Zivilisation stand und Stoßgebete zum fliegenden Spaghettimonster sendete.

Eine kurze Selbstdiagnose verriet mir, dass sich mein C8H10N4O2-Spiegel dem roten Bereich nährte und ich beschloss ein kurzes Päuschen einzulegen. Ich genoss einen Kaffee, den ich selbst meinem besten Feind nicht anbieten würde und sinnierte, warum die Notwendigkeit von Kriegen, um technologischen Fortschritt zu erreichen anscheinend auch in der heutigen Zeit, notwendig ist. Gnerkland, Nerdnation und Geeknanien haben sich natürlich auch ab und an in den Haaren. Wir lösen solche Konflikte jedoch neuerdings auf sehr traditionelle Weise: ein Quake 3 1on1, BF1942 Pistolenwettkampf oder, wenn es sich um größere Streitereien handelt, einem geschmeidigem 8on8 BF4 Wettstreit. Erstaunlicherweise entwickeln wir uns technologisch, gesellschaftlich und persönlich stetig weiter ohne das Mittel der Aufrüstung zur Abschreckung, Krieg etc. immer noch einzusetzen.

Nachdem meine Koffein-Reserven zu genüge aufgefüllt waren, spazierte ich weiter. Immer noch Ahnungslos, wo die Abteilung Informatik zu finden war, legte ich einen kleinen Stopp in der Physik ein, um zu überprüfen, ob die Informationen des Museums zum Thema Kernspaltung bzw. Kettenreaktion auch korrekt waren. Untermalt durch beeindruckende Power-Point-Bilder hallte eine weibliche Stimme aus den Lautsprechern und erklärte wie ein Neutron auf einen Atomkern trifft, dieser sich teilt und zwei bis drei lustige freie Neutronen ihren Weg zu den nächsten Opfern suchten. Das war also die unkontrollierte Kettenreaktion. Kein wünschenswerter Zustand, außer man möchte irgendwelchen Forderungen etwas Nachdruck verleihen. Der Lösungsvorschlag für eine kontrollierte Kettenreaktion war so simpel wie genial: man schiebt ein graues Kästchen dazwischen und fängt überschüssige Neutronen ein. Etwas wehmütig darüber eine herausragende 5 in der Klausur zu diesem Thema kassiert zu haben, trottete ich weiter als sich meine Laune schlagartig aufhellte. An der Decke konnte ich den von mir so begehrten Wegweiser zur Informatikabteilung erspähen.

Penibel folgte ich den Anweisungen an der Decke. Da war er, der.. Z4! Eine Tafel teilte mir mit, dass der Z3, wie hätte es auch anders sein sollen, während eines Bombenangriffs zerstört wurde und die Nachbildung sich gerade in der Restauration befand. Ach! Man nimmt was man kriegt! Angestrengt überlegte ich wie ich das Monstrum in meinem kleinen Peugeot transportieren könnte und wo sich der Rechner am Besten in meine vorhandene Wohnzimmereinrichtung integrieren ließe. Da mir die Timelord Technologie “Von innen größer als von außen” zur Zeit nicht zur Verfügung stand, ließ ich den Z4 an Ort und Stelle stehen und suchte den Ausgang.

6600 Schritte zum Ziel

Eingepackt, als wäre es Winter, entschied ich mich, zurück zum Hotel zu laufen. Die hohe Investition eines Tagestickets der Bahn, nahm ich zugunsten der Gesundheit in Kauf und fragte ehemalige Museumsbesucher in welche Richtung ich laufen müsse. Ein Mann zückte ein kleines Gerät, dass ich als ein Handtelefon identifizieren konnte und deutete mir den Weg. Als ich mich dankbar verabschiedete warnte er mich davor meine Lauffähigkeiten nicht zu überschätzen und zeigte mir die Alternativroute Richtung Bahnhaltestelle. Dickköpfig wies ich ihn freundlich darauf  hin, dass ich laufen möchte und 3,3 km kein Problem darstellen sollten.

Das Bauamt der Stadt München durchkreuzte meinen Plan einfach gerade aus zum Hotel zu stiefeln. Irgendwer fand es wohl lustig mir Häuser und anderen unnötigen Kram in den Weg zu stellen und ich war wieder irgendwo mitten in München.

Meine Vermutung, dass in München wenig gelaufen wird erhärtete sich, als ich einige willkürlich auserwählte Einheimische nach dem Weg fragte und mir immer wieder nahegelegt wurde die Bahn zu nehmen. Mir schienen diese Empfehlungen recht unlogisch, immerhin gingen meine auserkorenen wandelnden Informationssäulen auch zu Fuß.
So wandelte ich durch die Straßen bis ich einem jungem Pärchen begegnete. Nachdem die Rahmenbedingungen (keine Bahn) geklärt waren, zeigte der männliche Part des Zweiergespanns auf einen Betonklotz in der Ferne und erklärte mir, dass ich an der jüdischen Moschee links gehen muss. Jüdische Moschee… Ich war ziemlich neugierig, was es damit auf sich hatte, immerhin sind es zwei völlig unterschiedliche Religionen und von jüdischen Muslimen hatte ich noch nie was gehört.

Ich war schon etwas enttäuscht, als ich feststellte, dass es sich um eine Synagoge handelte. Doch kein Religions-Cross-Over! Da stand ich nun, am jüdischen Zentrum am Jakobsplatz in München. Wie befohlen bog ich links ab und suchte die Schilder, die mir der junge Mann versprochen hatte. In der Regel bin ich durchaus in der Lage Schilder zu lesen, sofern diese auch existieren, aber da waren keine. Nach vergeblicher Suche erspähte ich einen älteren Herren in der Begleitung einer Dame und 3 Hunden. Eigentlich hätte ich sie nicht angesprochen, denn der Mann schaute etwas.. naja.. grimmig, aber aufgrund anderer fehlender Kommunikationspartner, rang ich mich dazu durch und sprach die beiden an.

…dann können wir also keine reiche Frau aus dir machen!

Ich hatte sie gefunden, richtig freundliche Einheimische, die nicht reagierten als wäre ich gerade unangemeldet mit einem Brecheisen in ihre Hütte eingedrungen. Meine neuen Weggefährten begleiteten mich eine Weile bis sie sicher waren, dass ich den Weg diesmal tatsächlich finden würde. Während wir durch den Schnee watschelten und uns über schwarze Hunde und deren Definierung als “Teufelshunde” in verschiedenen Kulturen unterhielten, versuchte ich die Beiden in wohl überlegte Schubladen zu stecken. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich nicht um ein Ehepaar sondern eher um gute alte Freunde gehandelt  hat. Der Mann nett aber eher ein Grieskram, die Frau sehr herzlich und beide etwas verrückt.

An einer Kreuzung sollten sich unsere Wege wieder trennen und ich wollte mich verabschieden, als mich der Mann fragte ob ich singen könne. Mit zitternder Stimme sagte ich lachend, dass ich nur im Auto singen würde und auch nur, wenn niemand zuhört. “Schade, dann können wir also keine reiche Frau aus dir machen!” erwiderte der Mann und ermunterte mich zu Hause zu üben und wieder bei ihm vorbei zu kommen, wenn ich besser geworden bin. Enthusiastisch versuchte ich ihm klar zu machen, dass die Technik das Problem mit der Klangfarbe niemals wett machen würde, als die Frau ihrem Kompagnon verbal zu Hilfe eilte und ebenfalls auf mich einredete. “Üben! Üben! Üben!” war die unmissverständliche Anweisung die sie mir mitgaben, als sie mich aus dem Gespräch entließen.

Ich wanderte über die weiße Wüste, genannt Theresienwiese Richtung Hotel. Spaziergänger schlenderten leichten Fußes über die ca. 20 cm hohe Tiefschneedecke, während ich einsank und jeder weitere Schritt eine immense Kraftanstrengung bedeutete. Ich beschloss, dass es Zeit für eine Diät sei, als ich den Grund für meine missliche Lage herausfand: die anderen liefen auf dem fest getrampelten Weg, ich auf der Wiese.  Da stand ich nun.. in der Mitte der “Wiesn”: links von mir ein Pfad, rechts von mir ein Pfad und vor mir? Kein Pfad! Um anderen Verirrten den Weg zu erleichtern, entschied ich mich dazu, leise fluchend, meinen Weg über das unebene Gelände fortzusetzen und einen neuen Trampelpfad zu etablieren.

Im Hotel angekommen fing ich an an dieser langen Kurzerzählung zu schreiben, denn mein Hirn wollte die gesammelten Informationen loswerden, um Platz für Neues zu haben.

Energiekosten explodieren! Zwei Strahler zuviel für Bayerns Hauptstadt..

Es war 5 Uhr morgens an einem, wie ich vermutete, nicht so schönen Montag. Wie gerne wäre ich von den schrillen Tönen meines Weckers zu einer unchristlichen Zeit geweckt worden, aber klein cleos Körper war wohl der Meinung, dass Schlaf eine völlig überbewertete Sache sei. Mit völlig absurden Methoden, wie das Einschalten des TVs und dem Ansehen von, ich traue es mich fast nicht zu sagen, “Die Trovatos” mit eingeschaltetem Sleeptimer von 30 Min versuchte ich einzuschlafen. Ich ging eigentlich von aus, dass bei soviel geballtem Unsinn das Gehirn gegen steuert und aus Selbstschutz abschaltet. Pustekuchen! Ich identifizierte meinen laut knurrenden Magen als einen Teil des Problems und versuchte mit einer kleinen Tüte Studentenfutter aus der Minibar der Situation vergeblich Herrin zu werden. Dem FSM sei Dank war es schon 3 Uhr und somit nur noch 4 Stunden bis zum Frühstück. Nach einer weiteren Stunde beschloss ich zur Bavaria (das ist so eine Tante die an der Theresienwiese steht, wieso und warum  k.a.) zu gehen. Also wieder ab in die Klamotten und ab nach draußen. Die Tür, welche mir die letzten Tage immer gute Dienste leistete schlief wohl, denn sie wollte sich einfach nicht öffnen. Ein wenig hilflos sah ich mich um und schrie ganz leise und zaghaft “Hallo?” aber niemand war da. Super! Eingesperrt im Hotel! Ich erinnerte mich, viel mehr sah ich, eine Klingel auf dem Tresen stehen auf die ich mit all meinen verbleibenden Kraftreserven, haute. Und da kam sie, der Engel mit den blonden Haaren und der Fähigkeit die Türelektronik in Gang zu setzen.

Mein mühseliger Weg führte mich wieder über die schier endlos anmutende weiße Theresienwiese. Der Schnee, der gestern noch locker war, bildete nun eine Eisschicht, die unter meinem Gewicht ätzend nachgab. Während ich also irgendwo in einem Meer aus Schnee und Eis in Richtung Bavaria stiefelte tauchte vor mir ein hell erleuchtetes eckiges “Gebäude” auf. Meine müden Augen erblickten den Schriftzug “Festleitung” (oder irgendwie sowas ähnliches). Der Kasten verdeckte die Sicht auf das Denkmal und ich war etwas irritiert, ob ich nicht ggf doch schon dran vorbei gelaufen bin. Nach einem kleinen Kontrollblick wusste ich allerdings, dass mein Ziel irgendwo vor mir liegen musste.

Wie schon so oft unterschätzte ich die Anstrengung die eine solche Schneewanderung, auf einer ebenen Wiese mit sich bringt. Ich möchte nochmal kurz betonen: viele Strahler erleuchteten von außen das “Gebäude” und einen Parkplatz dahinter. Mit eisernem Willen schleppte ich mich keuchend weiter, um nun endlich die ersten Umrisse von… naja, irgendwas das in der weißen Einöde steht.. zu erblicken. Mein messerscharfer Verstand lies sich natürlich nicht täuschen, das war sie, auch wenn man sie nicht erkannte, denn sie hatte keine Festbeleuchtung. Die technischen Voraussetzungen waren zwar gegeben, denn zwei Strahler zeigten auf sie, aber die waren aus. Nur ein paar zu kurz geratene Straßenlaternen spendeten ein wenig Licht, aber das reichte bei weitem nicht aus.

Als ich auf dieses Monument der Geschichte zu lief wurde mir ein wenig mulmig. Es ist schon ein wenig schräg wenn man hinter sich nur eine menschenleere weiße Fläche hat, der Mond sich hinter den Wolken versteckt und man läuft in der Dunkelheit auf einen riesen Schatten mit menschlichen Zügen zu. Sofort fiel mir die Simpsonsfolge ein in dem die Werbefiguren lebendig wurden. Argwöhnisch beobachtete ich die Tante, wohl wissend das ich zu einer Flucht gar nicht mehr fähig gewesen wäre! Aber sie blieb cool und da sie schon mal stillstand, wollte ich ein Foto machen.

Jetzt konnte Markus Kamera mal zeigen, was sie wirklich drauf hat. Offenbar hatte diese aber gar keine Lust was zu tun, denn sie teilte mir ständig mit sie wäre “busy”. Eine Schrecksekunde später… Ich dachte ich hätte die Kamera gekillt und fragte mich ob es wohl besser sei sich einfach hier in den Schnee fallen zu lassen und elendig zu verenden oder ob ich mich Markus stellen soll, als mir einfiel: Ich bin cleo und die Kamera ist Technik. Diese symbiotische Beziehung wirdbavaria3 sicherlich nicht einfach so enden, also muss die Ursache ganz eindeutig woanders liegen. Ich hatte natürlich eine Vermutung und hielt auf das hervorragend ausgeleuchtete Gebäude, dass niemanden interessierte, und schoss es erfolgreich ab.

Mein Rückweg zum Hotel war etwas einfacher, denn ich bin hoch auf den Fußweg gegangen. Mit absoluter Sicherheit kann ich nun sagen: Auf geräumten Straßen läuft es sich wesentlich leichter als auf einer halb durchgefrorenen Schneedecke auf einer Wiese. Hätte ich das nur mal vorher gewusst!

Mein blonder Türöffner lächelte mich an, als ich zurück im Hotel war und meinte ich könne jetzt nach dem Spaziergang bestimmt gut schlafen. Natürlich war der kleine Ausflug bezüglich des Hungerproblems eher Kontraproduktiv und so harrte ich in meiner kleinen Unterkunft bis zum Frühstück aus.

Punkt 7.00 Uhr stand ich in voller Frische, ungeschminkt und ein wenig lädiert, im Frühstücksraum auf der Matte und stopfte mir genüsslich das Essen in den Mund. Eine junge Frau die aussah, als wäre sie gerade aus einem Modelkatalog gehupft, betrat den Raum, als ich gerade fertig gegessen hatte und wieder hoch aufs Zimmer wollte. Mit einem “mulmigen” Gefühl, immerhin war ich wohl total underdressed fürs Frühstücken, ging ich ohne viel Aufsehen zurück ins Zimmer, schaltete den Fernseher ein und schmiss mich ins Bett.

schnarch

Bevor mein Wecker auch nur annährend die von mir spezifizierte Weckzeit erreichte, riss mich der  ausgehende Fernseher aus dem Schlaf. Anscheinend hatte das Ding eine Aus-Zeitschaltung und die plötzlich eintretende Stille war dem Weiterschlafen nicht gerade zuträglich.

 

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